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Kennst du das Gefühl des inneren Rückzugs, das manchmal einsetzt, wenn du dich überfordert fühlst und jede noch so kleine Aufgabe zu groß erscheint? Du fühlst „dich getrennt von der Welt“, taub für Empfindungen und möchtest dich am liebsten unsichtbar machen, niemand mehr begegnen? Vielleicht fühlst du dich auch wie gelähmt und unfähig aus dieser Lage wieder ins Handeln und bewegen zu kommen? 

Das könnte die Erstarrungsreaktion deines (autonomen) Nervensystems sein. 

Dein Nervensystem orchestriert sämtliche Funktionen deines Körpers, bis hin zur kleinsten Zelle und ist für die Kommunikation zwischen den einzelnen Körpersystemen zuständig. Es „reist“ mit seinen Ästen durch deinen gesamten Organismus und kommt dabei mit allem in Berührung. Man könnte sagen, du bist, weil dein Nervensystem ist. Und tatsächlich ist es eines der ersten Systeme, das sich auf deiner jungen Reise in das Leben in Mamas Bauch entwickelt. Das autonome Nervensystem beeinflusst, unter vielen anderen Aufgaben, deine Verdauung, Herztätigkeit, Atmung, Fortpflanzungsfähigkeit und dein Immunsystem. Unter anderem aktiviert es die unbewusst ablaufende Stressantwort, mit der du auf Gefahren reagieren kannst. Es geht ums Überleben. Evolutionär bedingt sind dazu Mechanismen angelegt, die sich mit „Kampf oder Flucht“ und „Erstarrung“ bezeichnen lassen. Ich habe hierzu einen interessanten Blog-Artikel auf meiner Seite, in dem du dazu mehr erfahren kannst (https://www.mindyoursoulandbody.com/2020/04/14/stress-und-das-autonome-nervensystem/)

Sind dir in einer realen Gefahrensituation Kampf oder Flucht nicht möglich, greift dein System zu einem letzten Weg, der im Tierreich auch als „Totstellen“ bekannt ist. Auf diese Weise werden deine Vitalfunktionen und dein Stoffwechsel so weit herunter reguliert, dass es zu einer Schmerzdämpfung kommt und du dissoziierst (Trennung von der Körperwahrnehmung). Ich möchte ein Beispiel aus der Natur anführen, das dies verdeutlicht. Eine Antilope, die ihrem Jäger – einem Gepard – nicht mehr entkommen kann, verfällt automatisch in den Erstarrungszustand. Zum einen erfüllt dies den Zweck, dass der Gepard unter Umständen so irritiert ist, dass er von dem Tier ablässt und es doch noch flüchten kann. Zum anderen „betäubt“ es die Antilope in dem Fall, dass der Gepard sie reißt, damit sie den Schmerz nicht spüren muss. 

Du siehst, die Erstarrungsreaktion ist eine sehr „gnädige“ und nützliche Funktion deines Nervensystems.

Doch was, wenn der Gepard tatsächlich abgelenkt wird? Im Tierreich ist zu beobachten (https://youtu.be/s-jz0e7C5BM), dass die Antilope blitzschnell aufspringt und vor ihrem irritierten Jäger flüchtet, um zu ihrer Herde zurückzukehren, den Stress „abzuschütteln“ und friedlich ihr Grasen wiederaufzunehmen, so als wäre nichts geschehen. 

Doch was bedeutet das übersetzt auf uns Menschen? Und warum erlebst du an einem ganz normalen Tag diese Reaktion mitten im Alltag, der eigentlich keine Gefahren birgt? 

Hier kommt Trauma ins Spiel. Im Fall der Antilope ist das Weglaufen (die Bewegung der Beine, Zittern) der natürliche Abschluss der Stressreaktion, die wie in einem Regelkreislauf zwischen Erregung und Entspannung verläuft. Die Stresshormone werden abgebaut und ihr gesamtes System kehrt wieder zum Entspannungszustand zurück. 

Ein Trauma entsteht im Nervensystem, wenn dieser Abschluss unterbrochen wird. Das System hängt dann entweder in der Aktivierung (Kampf / Flucht) oder der Immobilität, schlimmstenfalls in beiden gleichzeitig fest. Dies kann viele Gründe haben. Frühkindliche Erfahrungen, die außerhalb unseres bewussten Erinnerungsvermögens liegen und die unsere Zell-Erfahrung von Sicherheit erschüttert haben (die Art und Weise wie unsere nächsten Bezugspersonen, meist unsere Eltern, sich im Babyalter auf unsere non-verbalen Bedürfnisse eingelassen haben, prägt unser Empfinden, sicher in unserem Körper und unserer Umgebung zu sein). Das Erleben von verbaler oder körperlicher Gewalt, Unfällen, Operationen und Katastrophen zählen zu den offensichtlicheren Gründen für Traumata. Aber auch chronisch toxischer Stress aufgrund unserer schnelllebigen Zeit und das Vermögen, uns in Stress zu denken, unterhalten den Kreislauf von Angst und Erstarrung.

Mit diesem neuen Verständnis für dich, hast du den ersten Schritt auf dem Weg zu einem ausgeglicheneren Nervensystem und mehr „Regulation“ getan. 

Mit den nächsten 4 Schritten möchte ich dich anregen, aus dem Gefühl der Hilflosigkeit und Erstarrung in die Handlungsfähigkeit zu kommen. Alle diese Punkte bringen dich mehr in das Hier und Jetzt. (Bitte stelle sicher, dass du dich an einem Ort ohne große Ablenkungen  befindest, an dem du dich tatsächlich sicher fühlst)

  1. Halte inne, wenn du gerade etwas tust. 
  2. Nimm die Kontaktpunkte deines Körpers mit dem Untergrund wahr. Wenn du sitzt, z. B. dein Gesäß, die Rückseiten deiner Beine, den Rücken, wenn er angelehnt ist. 
  3. Nimm deinen Atem wahr. So wie er jetzt gerade ist, ohne ihn zu verändern. Und probiere, dabei die Kontaktpunkte deines Körpers weiter zu spüren. Ist das zu viel, bleib bei deinem Atem. 
  4. Sprich es aus. Benenne laut für dich, wie du dich gerade fühlst. Wenn du eine vertraute Person hast, sage es ihr. Das verbalisieren bringt dich aus der Immobilität mehr in die Bewegung nach außen. 

Ich vertraue zutiefst in die dir angeborene Fähigkeit der Selbstheilung und dass du alles, was du dazu brauchst, in dir trägst. In deinem Körper und deinem Nervensystem. Es ist Zeit, dich zu erinnern. 

Von Herzen, Michaela 

Remember to always mind your soul and body.